Mein Großvater Peter Wust (1884 - 1940)

 

 

 

 

Mein Großvater in seinem privaten Arbeitszimmer in Köln (1924)

 

 

 

 

Während ich die Webseiten von verschiedenen Philosophen las, hatte ich die Idee über meinen Großvater zu schreiben, dessen Philosophie und eindrucksvolle Persönlichkeit es wert sind, in Erinnerung zu bleiben.  Peter Wust, ein bekannter Existenz Philosoph, gehört in die Gruppe von Heidegger, Hebbels, Kant, Max Scheler und Eduard Spranger. Er war im Dorf Rissenthal im Saarland geboren.  Sein Vater, ein Siebmacher, hatte nur wenig Geld.  Der Dorfpfarrer von Rissenthal schlug schließlich vor, Sohn Peter aufs Gymnasium nach Trier zu schicken.  Seine Eltern hofften, er würde katholischer Priester werden, stattdessen entschloss er sich nach dem Abitur zum Studium von Deutsch, Englisch und Philosophie.  Nach abgelegtem Examen in Straßburg/Elsaß, studierte er an der Universität Bonn und beendete sein Studium mit Promotion über Stuart Hill.

   Peter Wust und seine Frau Käthe hatten drei Kinder: Sohn Benno und die Töchter Else und Lotti.  Jahre in Berlin, Trier  und Köln folgten, während Peter Wust Kontakte zu Max Scheler und Edmund Husserl knüpfte.  In seiner Zeit  als Studienrat in Köln, wurde Max Scheler ein enger Freund, der die philosophischen Ideen teilte.  1930 wurde Peter Wust Professor an der Universität Münster, ohne habilitiert zu sein.  Das brachte ihm nicht nur Freunde unter Kollegen.  Fast gleichzeitig mit Heidegger entwarf er seine existenzialistische Philosophie, doch Wusts Philosophie war von christlicher Prägung.  Peter Wust plante eine kulturelle Offensive des deutschen Katholizismus.  Seine Philosophie zielte auf die kulturelle Einheit Europas.  Während der Weimarer Republik wuchs die Zahl seiner Studenten, die interessiert an seinen  Ideen waren, die wussten, da sprach jemand zu ihnen, der einig war mit sich selbst aber der in den Augen seiner Generation und seiner Freunde und Gegner zuerst "Bekenner" und dann Professor war.  Als Adolf Hitler an die Macht kam, war Wust einer der wenigen, der Hitlers Buch:" Mein Kampf" gelesen hatte.  Er sah Deutschlands Ruin kommen und galt deshalb als Pessimist.  Seine Vorlesungen an der Universität Münster waren populär, weil Peter Wust ohne Furcht über das Nazi Regime sprach, dessen Gegner er war. Privat und in der Öffentlichkeit bekannte er sich zu seiner weltanschaulichen und politischen Einstellung.  Zu dieser Zeit hatten Wusts philosophische Ideen auch Frankreich erreicht.  Dort schätzten Jaques Maritain, Jean de Pange, Paul Claudel, Gabriel Marcel, Charles Du Bos und andere seine Arbeit.  Peter Wust starb am 3. April 1940 an seltenem Oberkieferkrebs.  Wenige Tage vor seinem Tod schrieb er den : "Abschiedsbrief" an seine Studenten, der an der Front in Rußland im II. Weltkrieg von Hand zu Hand ging.

   Ich bin die jüngste seiner vier Enkelinnen und lebe zur Zeit in Las Vegas, USA.  Meine Mutter war Großvaters Tochter Else.  Mein Opa war lange tot, als ich geboren wurde aber meine Oma erzählte mir so viel von ihm.  Besonders als Kind begeisterten mich ihre Erzählungen über Opas Arbeit, Leben und Menschen, denen er begegnet war, die ich nicht vergessen werde. Einmal fragte ich sie: "Würdest du Opa nochmal heiraten?"  Und sie antwortete nur: "Ja, Jutta, natürlich würde ich ihn wieder heiraten!"  Für mich war das damals eine beachtliche Antwort!

   Mein Großvater liebte Kunst, Tiere, Spaziergänge, die Natur, und er machte sich oft Gedanken über Leute, die weniger hatten als er.  Oft hatte er Einladungen zum Essen in seinem Haus, besonders für Studenten mit wenig Geld, und irgendwie fand er immer einen trifftigen Grund für diese Einladungen.  Seine Studenten mochten ihn und erzählten, dass es einfach interessant war, diesem Mann zuzuhören.  Auf der anderen Seite hatte mein Opa kein Talent Sachen zu reparieren.  Seine Gedanken waren meist beim Bücherschreiben, sehr oft vergass er deshalb seinen Hut oder Schirm.   Mein Opa liebte Reisen nach Florenz und kam immer mit einem besonderen Geschenk für meine Oma zurück.  Aus Italien kam er im Sommer immer mit dunkel gebräunter Haut.  Durch seine Arbeit war seine Freizeit sehr begrenzt.  Wenn seine Kinder ihren Vater am Schreibtisch sitzen sahen, wussten sie, sie hatten ruhig zu sein.  Nur meine Tante, Großvaters jüngste Tochter Lotti, konnte ihn manchmal stören, sie sprang dann mitten auf den Schreibtisch und gab ihm einen lauten Schmatz, um mit ihm zu reden.

   Mein Großvater war eine starke Persönlichkeit.  Er hatte keine Angst zu sagen was er dachte, das versetzte meine Großmutter besonders in Angst, als Adolf Hitler an die Macht kam.  Als mein Großvater mit Kieferkrebs im Krankenhaus lag, kurze Zeit vor seinem Tod, brachte sie ihm selbst gekochtes Essen, fütterte ihn mit einem Teelöffel und wohnte im Hospital.  In den letzten Lebenstagen schienen für Peter Wust alle philosophischen Ideen unwichtig geworden zu sein.  Er konnte weder sprechen noch essen und schrieb mit zittriger Hand auf ein kleines Stück Papier immer wieder nur ein Wort: " Hunger".

   Heute benutze ich das Medium Computer, um die Ideen meines Großvaters lebendig zu erhalten, für Leute, die ihn gekannt haben, für Philosophie Studenten und einfach für jeden, der sich für den Philosophen und Menschen Peter Wust interessiert.

                von Jutta Peine           

     

                     

                                                                         Jutta mit ihrem Porträt in Las Vegas/USA